Philosophie

Politik & Spiritualität

„In der modernen westlichen Gesellschaft ist das drängendste politische Problem unserer Zeit die Frage, wie man die Tradition des Liberalismus mit einer echten Spiritualität verbinden kann. In der Geschichte gab es bisher keine brauchbaren Ansätze zur Verbindung dieser beiden Stränge menschlichen Strebens. Im Gegenteil – der moderne Liberalismus (und überhaupt die ganze europäische Aufklärung) entstanden in weiten Teilen gerade als Gegenbewegung zur traditionellen Religion. Voltaires Schlachtruf <Vergeßt die Grausamkeiten nicht!< hallte über den ganzen Kontinent: Vergeßt die Grausamkeiten nicht, die Menschen im Namen Gottes zugefügt wurden, und laßt diese Unmenschlichkeiten und diesen Gott ein für allemal hinter euch.
Damit blieb Religion weitgehend den Konservativen überlassen. Und deshalb sehen wir bis heute zwei schwer bewaffnete Lager, die einander mit tiefem Mißtrauen gegenüberstehen.
Das eine Lager ist dasjenige der Liberalen, die für die Rechte und Freiheiten des Individuums gegenüber der Tyrannei des Kollektivs eintreten und daher gegenüber allen religiösen Bewegungen einen tiefen Argwohn hegen, weil diese immer bereit sind, anderen ihre Überzeugungen aufzudrängen und ihnen vorzuschreiben, wie sie ihr Seelenheil zu suchen hätten. Der Liberalismus der Aufklärung ist geschichtlich eine Gegenbewegung zu religiöser Tyrannei, und das tiefe Mißtrauen, ja der Haß auf alles Religiöse und Spirituelle, auf alles, was irgendwie mit dem Göttlichen zu tun hat, ist ihm unauslöschlich eingeprägt.
Deshalb neigten und neigen Anhänger des Liberalismus dazu, der Erlösung durch Gott eine Erlösung durch die Ökonomie vorzuziehen. Wahre Befreiung und Freiheit ist ihrer Meinung nach nicht in irgendeinem ungreifbaren Jenseits zu finden, sondern vielmehr in konkreten Fortschritten auf dieser Erde, womit zunächst einmal die Befriedigung der materiellen und wirtschaftlichen Bedürfnisse gemeint ist. … Niemand wird in Frage stellen wollen, daß dieser Liberalismus sehr viel Gutes bewirkt hat. Die Kehrseite war allerdings, daß nur zu oft religiöse Tyrannei schlicht durch ökonomische Tyrannei ersetzt wurde und der Gott des allmächtigen Geldes an die Stelle des Gottes des Papstes trat. Die Seele konnte jetzt nicht mehr von Gott zerbrochen werden, dafür aber von der Fabrik. Das Wichtigste im Leben war nicht mehr die Beziehung zum Göttlichen, sondern vielmehr die Beziehung zum eigenen Einkommen. Und so konnte es mitten im wirtschaftlichen Überfluß geschehen, daß die Seele langsam verhungerte.
Deshalb beziehen im anderen Lager die Konservativen Position, die einer bürgerlichen humanistischen Tradition verpflichtet sind, der zufolge der Mensch in seinem Innersten auf gemeinschaftliche Standards und Werte einschließlich religiöser Werte angewiesen ist. … Die Betonung der Werte der Gemeinschaft und der Familie erlaubt es den Konservativen, kraftvolle Nationen zu bilden, oft aber zu Lasten derjenigen, die eine andere religiöse Orientierung haben. Hinter dem konservativen Lächeln versteckt sich nicht selten kulturelle Tyrannei, und die Liberalen wenden sich mit Grausen vor den Beteuerungen der Konservativen, daß sie alle Kinder Gottes lieben, denn leider hat man durchaus nichts zu lachen, wenn man nicht Kind ihres Gottes ist.
Vereinfachend könnte man also sagen, daß es sowohl im liberalen als auch im konservativen Lager etwas „Gutes“ und etwas „Tyrannisches“ gibt, und es wäre offensichtlich ideal, wenn man das Gute von beidem bewahren und das jeweilige Tyrannische abschaffen könnte.
Das Gute am Liberalismus ist seine Betonung der individuellen Freiheit und die Ablehnung der Herdenmentalität. In seinem Eifer, die individuellen Freiheiten zu schützen, hat jedoch der Liberalismus oft gemeinschaftliche Werte wie etwa Religion und Spiritualität verworfen und eine ausschließliche Hinwendung zu materiellen und wirtschaftlichen Aktivitäten an ihre Stelle gesetzt. …
Der Vorzug des Konservatismus ist seine Einsicht, daß man bei aller Bedeutsamkeit des Individuums und seiner individuellen Freiheiten einem schweren Irrtum unterliegt, wenn man das Individuum für eine isolierte Insel hält. Das Individuum ist vielmehr zwangsläufig in einen innigen Kontext der Familie, der Gemeinschaft und des Geistes eingebunden, und es hängt sogar seine ganze Existenz von diesen tiefen Zusammenhängen und Verbindungen ab. Auch wenn man daher auf seine Individualität pocht, hängen die tiefsten Werte nicht in einem selbstverliebten Verständnis von Autonomie von der Beziehung zu einem selbst ab, sondern von der Beziehung zur Familie, zu den Freunden, zur Gemeinschaft und zum eigenen Gott. Wenn man diese tiefsten Verbindungen leugnet, stört man damit nicht nur das Gefüge der Gemeinschaft und gibt es dem Chaos der Hyperindividualität preis, sondern man zerreißt damit auch die tiefste aller Verbindungen, nämlich diejenige zwischen einer menschlichen Seele und einem göttlichen Geist. …
Sollte es nicht möglich sein, diese kulturelle Tyrannei des Konservatismus über Bord zu werfen und zugleich seine Stärke zu erhalten, insbesondere seine Spiritualität? Und könnte es nicht eine Möglichkeit geben, die Stärke des Liberalismus (die individuelle Freiheit) zu wahren und die Tyrannei der Geistfeindlichkeit über Bord zu werfen?
Kurz, könnte es einen spirituellen Liberalismus geben?“
aus: Ken Wilber (1999): Das Wahre, Schöne, Gute. Geist und Kultur im 3. Jahrtausend.  Fischer Taschenbuch Verlag. Seiten 17ff.


Komplementäre Fakten

„Der Mensch besteht in der Wahrheit. Gibt er die Wahrheit preis, gibt er sich selbst preis.“
Novalis (1772-1801), eigentlich Georg Philipp Friedrich Leopold Freiherr von Hardenberg.


Über das Hara

…“denn die Lehre des Hara ist keine bloße Theorie, sondern meint eine existentielle Praxis.
Wer Hara übt, wird unweigerlich den Segen erfahren, der sowohl für die Meisterung des Lebens in der Welt, wie für das Fortschreiten auf dem Weg von der Hara-Praxis ausgeht. Das lebendige Interesse für Hara hängt aber nicht zuletzt mit der Tatsache zusammen, daß der Mensch des Westens sich in unseren Tagen nicht nur in kleinen esoterischen Kreisen, sondern auf breiter Front dem Initiatischen öffnet, d. h. jenem Weg der Selbstverwirklichung, an dessen Anfang, Mitte und Ende Transzendenz als Erfahrung steht. Die Zeit ist reif geworden, daß das Sein, das bislang nur Gegenstand frommen Glaubens oder metaphysischer Spekulation war, weil es alle Wirklichkeit unseres Daseins übersteigt, als Erfahrung vernommen und zum Ausgangspunkt und Sinnzentrum des inneren Weges gemacht wird. Es handelt sich um den Weg, der den Menschen, der seine Wurzeln verlor, als Bewußtseinswesen in seinen ewigen Ursprung heimbringt und zur Erfüllung seiner Bestimmung bereitet, das Sein im Dasein zu offenbaren. In diesem Beginnen hat die Wiederbeheimatung des in die „Fremde“ geratenen Menschen in seine ursprüngliche Mitte seit jeher eine entscheidende Rolle gespielt. Die Lehre und Praxis von Hara, der Erdmitte des Menschen, macht diesen Vorgang bewußt. …

Immer mehr Menschen – sofern sie zeitnah und zukunftsbezogen sind – wenden sich heute meditativen Praktiken zu. Dabei gewinnt die Einsicht immer mehr an Boden, daß Meditation nicht ein sich Abwenden von den Verpflichtungen bedeutet, die wir in der Welt haben, sondern, recht verstanden, den Menschen in jener Mitte versammelt, die ihn vollends befähigt, seiner Bestimmung auf dieser Erde zu genügen. Unzertrennlich davon ist die Erkenntnis, daß es ohne Verwurzelung in den „Erdkräften“ des Lebens keine gesunde Geistigkeit gibt, und daß eine Verfassung, die in gültiger Weise zur Transzendenz hin transparent ist, die Verankerung des Menschen in seiner Erdmitte voraussetzt. Meditative Übungen ohne Hara münden leicht in einer verblasenen Geistigkeit, die in gleicher Weise den Himmel und die Erde verrät.
Es gibt dreierlei Leib-Gewissen: Das erste ist orientiert an der Gesundheit, das zweite an der Schönheit, das dritte aber an der Transparenz, der „Durchlässigkeit“ für das in unserem Wesen anwesende Sein. „Durchlässige Form – Geformte Durchlässigkeit“, die uns befähigt das in unserem Wesen anwesende Sein zu vernehmen und es sichtbar werden zu lassen in der Welt.
Das ist der Sinn von Hara.“
Karlfried Graf Dürckheim (1996): Hara. Die Erdmitte des Menschen. Otto Wilhelm Barth Verlag, 253 Seiten; Vorwort


Was ist der Mensch? (1)

„Das Unendliche erkennen wir durch die Erforschung der Materie, das Ewige erkennen wir durch Erforschung des Bewusstseins, d.h. durch uns, durch Selbsterkenntnis.“
Armin Risi (2015): „Ihr seid Lichtwesen. Ursprung und Geschichte des Menschen.“ Govinda Verlag, 4. Auflage. 398 Seiten (S. 37).


Über das Dao (2)

(1)

„Der Weg, von dem wir sprechen können,
ist nicht der ewige Weg;
der Name, den wir nennen können,
ist nicht der ewige Name.
Das Namenlose ist der Anfang
von Himmel und Erde;
das Namentragende ist die Mutter
der zehntausend Dinge.

Wer wunschlos ist,
kann das Wunder des Weges erkennen;
Wer Wünsche hat,
wird nur Scheinbares entdecken.
Diese beiden entspringen der gleichen Quelle,
aber sie tragen verschiedene Namen.
In ihrer Einheit sind sie ein Geheimnis,
ein unendliches Geheimnis –
das Tor aller Wunder.“

Lao Tse, Tao-Te-King
(ins Deutsche übertragen von

Hans Knospe und Odette Brändli)

 

(1) Verkörperung des Sinns

„Der SINN, den man ersinnen kann,
ist nicht der ewige SINN.
Der Name, den man nennen kann,
ist nicht der ewige Name.
Jenseits des Nennbaren liegt der Anfang der Welt.
Diesseits des Nennbaren liegt die Geburt der Geschöpfe.
Darum führt das Streben nach dem Ewig-Jenseitigen
zum Schauen der Kräfte,
das Streben nach dem Ewig-Diesseitigen
zum Schauen der Räumlichkeit.
Beides hat Einen Ursprung und nur verschiedene Namen.
Diese Einheit ist das Große Geheimnis.
Und des Geheimnisses noch tieferes Geheimnis:
Das ist die Pforte der Offenbarwerdung aller Kräfte.“

Laotse, Tao te king
Das Buch des Alten vom Sinn und Leben
(ins Deutsche übertragen von
Richard Wilhelm)