Wissen

Ein integaler Ansatz

…“Mit anderen Worten, die angeblich einfache >empirische< und >objektive< Welt ist nicht einfach >da draußen< vorhanden, wo man sie nur anzuschauen brauchte. Vielmehr ist die >objektive< Welt in subjektive und intersubjektive Zusammenhänge und Hintergründe eingebettet, die in vielerlei Weise festlegen, was in dieser >empirischen< Welt gesehen wird und gesehen werden kann. Wahre Philosophie besteht also, wie diese Philosophen in ihrer je unterschiedlichen Weise sagen, nicht einfach darin, daß man sich Bilder von der objektiven Welt macht, sondern vielmehr in einer Erforschung der Strukturen im Subjekt, die es überhaupt erst ermöglichen, sich Bilder zu machen. Dies ist ganz einfach deshalb nötig, weil die >Handschrift< des Kartographen auf all seinen Landkarten deutlich zu sehen ist. Der Schlüssel zur Welt sind also nicht einfach die objektiven Karten, sondern der subjektive Kartograph.
Die Tatsache, daß diese beiden Ansätze, der äußere und der innere, der objektivistische und der subjektivistische, sich auf allen menschlichen Wissensgebieten nachdrücklich und beharrlich behauptet haben, sollte uns etwas sagen: daß nämlich beide Ansätze zutiefst signifikant sind. Beide sind für uns von unschätzbarer Wichtigkeit. Die integrale Sichtweise sieht ihre vornehmste Aufgabe darin, diese beiden tiefen Ansätze des menschlichen Erkenntnisstrebens zu würdigen und zu integrieren.

Würdigung beider Wahrheiten: der integrale Ansatz

Wenn man nun die Beispiele genauer betrachtet, die ich für die verschiedenen Formen von Erkenntnisansätzen gegeben habe, stellt man fest, daß sie nicht in zwei, sondern vielmehr in vier große Kategorien zerfallen, weil der innere und der äußere Ansatz aus einem individuellen und einem kollektiven Teil bestehen.
Mit anderen Worten, man kann sich jeder Erscheinung aus einer >inneren< und einer >äußeren< Sichtweise nähern, aber auch als Individuum und als Angehöriger eines Kollektivs. Innerhalb dieser vier Lager gibt es große und einflußreiche Schulen. Die nachfolgende Tabelle 1 enthält die Namen einiger bekannter Theoretiker jedes dieser vier Lager. Oben links (OL) ist >innen< und >individuell< (z.B. Freud). Oben rechts (OR) ist >außen< und >individuell< (z.B. Behaviorismus), Unten links (UL) ist >innen< und >kollektiv< (z.B. die kulturellen Werte und Weltsichten einer Gruppe, wie sie die interpretative Soziologie untersucht). Unten rechts (UR) schließlich ist >außen< und >kollektiv< (z.B. das objektive gesellschaftliche Aktionssystem, wie es die Systemtheorie erkundet).

i                   (OL)                                                                                     OR
n                            Sigmund Freud                                                          B. F. Skinner
d                            C. G. Jung                                                                   John Watson
i                             Jean Piaget                                                                 John Locke
v                            Aurobindo                                                                   Empirismus
i                             Plotin                                                                           Behaviorismus
d                            Gautama Buddha                                                      Physik, Biologie, Neurologie
u
e
l
l

i n t e n t i o n a l                                                        v e r h a l t e n s m ä ß i g

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(UL)                                                                                    (UR)

k u l t u r e l l                                                                      s o z i a l

k
o                           Thomas Kuhn                                                                Systemtheorie
l                            Wilhelm Dilthey                                                            Talcott Parsons
l                            Jean Gebser                                                                   Auguste Compte
e                           Max Weber                                                                     Karl Marx
k                          Hans-Georg Gadamer                                                   Gerhard Lenski
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i
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…Mein angeblich >individueller< Gedanke ist also in Wirklichkeit ein Phänomen, dem (mindestens) diese vier Aspekte eigentümlich sind, der intentionale, der verhaltensmäßige, der kulturelle und der soziale. Schreiten wir diesen holistischen Kreis ab: Das Gesellschaftssystem hat einen starken Einfluß auf die kulturelle Weltsicht, die die Bandbreite möglicher individueller Gedanken begrenzt, die sich wiederum in physiologischen Reaktionen im Gehirn niederschlagen. Diesen Kreis kann man in jeder Richtung abschreiten. Die Quadranten sind alle miteinander verwoben und determinieren einander. Sie sind die Ursache aller anderen Quadranten in konzentrischen Kreisen von Kontexten in Kontexten ohne Ende.
Ich möchte dies nicht in langatmigen Ausführungen begründen sondern einfach auf die schlichte Tatsache verweisen, daß das durchgängige Vorhandensein dieser vier großen Lager im Erkenntnisstreben Beweis genug dafür ist, daß sich keines vollständig auf das andere reduzieren läßt. Jeder Ansatz liefert gewissermaßen eine >Ecke< des Kosmos. Jeder von ihnen sagt etwas sehr Wichtiges über verschiedene Aspekte der bekannten Welt aus. Und keiner von ihnen kann ohne schwere und gewaltsame Brüche, Verzerrungen und Entwertungen auf einen anderen reduziert werden….

Ich, Wir und Es

…So werden die Ereignisse und Daten des oberen linken Quadranten in einer >Ich-Sprache< beschrieben, die Ereignisse und Daten des unteren linken Quadranten in einer >Wir-Sprache<. Die beiden rechten Quadranten sind empirisch und äußerlich, weshalb sie in einer >Es-Sprache< beschrieben werden können. Damit lassen sich die vier Quadranten auf drei einfache Bereiche zurückführen: Ich, Wir und Es, die ich die Großen Drei nenne.
Aber weil sich keiner der Quadranten auf einen anderen reduzieren läßt, können auch diese Sprachen nicht auf eine der anderen reduziert werden. Jeder Quadrant ist außerordentlich wichtig und bildet einen wesentlichen Bestandteil des Weltganzen. Und ganz gewiß sind sie wesentlicher Bestandteil eines umfassenden Verständnisses der Psychologie und Soziologie des Menschen. Nachfolgend einige wenige der wichtigsten Elemente dieser drei Hauptgebiete des Ich, Wir und Es:

Ich (OL): Bewußtsein, Subjektivität, Selbst und Selbstausdruck (u.a. Kunst und Ästhetik), Wahrhaftigkeit, Aufrichtigkeit

Wir (UL): Ethik, Moral, Weltsichten, gemeinsamer Kontext, Kultur, intersubjektive Bedeutung, gegenseitiges Verständnis, Angemessenheit, Gerechtigkeit

Es (OR und UR): Wissenschaft und Technik, objektive Natur, empirische Formen (u.a. Gehirn und Gesellschaftssysteme), propositionale Wahrheit (Singular und funktionales Passen).

Die empirische Wissenschaft befaßt sich mit Objekten, mit einem >Es<, mit empirischen Mustern. Moral und Ethik zielen auf das >Wir< und unsere intersubjektive Welt des gegenseitigen Verständnisses und der Gerechtigkeit. Kunst und Ästhetik betreffen das Schöne im Auge des Betrachters, das >Ich<.
Dies ist natürlich im Prinzip Platons Gutes (Ethik, das >Wir<), Wahres (im Sinne einer propositionalen Wahrheit, objektiver Wahrheit oder eines >Es<) und Schönes (die ästhetische Dimension, die von jedem >Ich< wahrgenommen wird).
Die großen Drei sind auch Sir Karl Poppers recht berühmte drei Welten, die objektive (Es), die subjektive (Ich) und die kulturelle (Wir). Viele Menschen, mich eingeschlossen, betrachten Jürgen Habermas als den größten lebenden Philosophen, und die Großen Drei sind auch Habermas´drei Geltungsansprüche: Objektive Wahrheit, subjektive Aufrichtigkeit und intersubjektive Gerechtigkeit.
Von großer historischer Bedeutung sind natürlich die Großen Drei in Kants außerordentlich einflußreicher Trilogie, der Kritik der reinen Vernunft (objektive Wissenschaft), Kritik der praktischen Vernunft (Moral), und Kritik der Urteilskraft (ästhetisches Urteil und Kunst).
Auch auf der Ebene der spirituellen Entwicklung finden wir diese drei Bereiche, etwa – um nur ein Beispiel zu geben – in den >Drei Kostbarkeiten< des Buddhismus: Buddha, Dharma, Shanga. Der Buddha ist der erleuchtete Geist in allen fühlenden Wesen, das Ich, das Nicht-Ich ist, das ursprüngliche Gewahrsein, das in jedem Inneren aufleuchtet. Der Buddha ist das >Ich< oder das >Auge< des Geistes. Shanga ist die Gemeinschaft der spirituell Übenden, das >Wir< des Geistes. Dharma ist die spirituelle Wahrheit, die erkannt wird, das >Es<, die >Esheit< oder >Soheit< einer jeden Erscheinung.
Man könnte Dutzende weiterer Beispiele geben, doch dürften damit die Großen Drei ausreichend skizziert sein. Diese Darstellung ist nun für die integralen Studien von größter Wichtigkeit, weil jede umfassende Theorie des menschlichen Bewußtseins und Verhaltens alle vier Quadranten oder einfach diese drei großen Bereiche berücksichtigen und integrieren muss, die sich jeweils durch einen anderen Geltungsanspruch und eine ganz andere Sprache auszeichnen. Auch dies ist wiederum ein Beispiel für die pluralistische Haltung, die das prägende Merkmal des integralen Ansatzes ist: Berücksichtigung aller Ebenen und aller Quadranten.

Flachland

Wie überlebensfähig die >linksseitigen< Ansätze der Introspektion und des Bewußtseins (die dem >Ich<- und dem >Wir<-Bereich zugewandt sind) sich auch erwiesen haben, haben wir es doch im Westen seit etwas dreihundert Jahren mit einem massiven und aggressiven Versuch der modernen Wissenschaft und der einseitig rechtsseitigen Ansätze zu tun, den ganzen Kosmos auf ein Bündel von >Es-heiten< zu reduzieren. Der Der Ich- und Wir-Bereich wurden dabei von den Es-Bereichen, vom wissenschaftlichen Materialismus, vom Positivismus, Behaviorismus, Empirismus und den objektiven-äußerlichen Ansätzen fast vollständig usurpiert.
Dieser rechtsseitige Imperialismus. der der westlichen Moderne seinen Stempel aufgedrückt hat, wird im allgemeinen als Szientismus bezeichnet, bei dem es sich, wie ich ihn definieren würde, um den Glauben handelt, die ganze Welt ließe sich in einer Es-Sprache erklären. Er besteht in der Annahme, daß sich alle subjektiven und intersubjektiven Räume ohne Rest auf das Verhalten objektiver Prozesse reduzieren lassen, daß sich menschliches und nichtmenschliches Inneres vollständig als holistisches System dynamisch verflochtener Es-heiten darstellen lassen.
Über den plumpen Reduktionismus wissen wir schon Bescheid: Dies ist die Reduzierung aller komplexen Entitäten auf materielle Atome, was man mit Fug und Recht als plump bezeichnen kann. Viel verbreiteter, heimtückischer und gefährlicher ist dagegen der subtile Reduktionismus. Dieser führt einfach jedes Ereignis der linken Seite auf seinen entsprechenden Aspekt der rechten Seite zurück. Er reduziert alle Ich- und Wir-heiten auf ihre entsprechenden empirischen Korrelate, also auf Es-heiten. Der Geist wird auf das Gehirn reduziert, praxis auf techne, Inneres auf Bits digitaler Es-heiten, Tiefe auf endlose Oberflächen eines flachen und verblassten Systems, qualitative Ebenen auf quantitative Ebenen, dialogische Interpretation auf den monologischen Blick – kurz, die ganze mehrdimensionale Welt wird brutal auf ein Flachland zusammengedrückt.
Aber eben weil der Mensch über vier verschiedene Aspekte verfügt, den intentionalen, den verhaltensmäßigen, den kulturellen und den sozialen, kann diese naturwissenschaftliche Vorgehensweise so attraktiv erscheinen, denn jedes innere Ereignis besitzt in der Tat eine äußere Erscheinung. (Selbst wenn wir eine außerkörperliche Erfahrung haben, bewirkt das Veränderungen im Gehirn!). Daher hat es zunächst durchaus etwas für sich, das Erkenntnisstreben dadurch vereinfachen zu wollen, daß man nur empirische Daten und objektive Es-heiten zuläßt.
Aber wenn man schließlich alle Ich-heiten und Wir-heiten auf bloße Es-heiten reduziert hat, wenn man schließlich alle Tiefen zu glattpolierten Oberflächen gemacht hat, dann hat man einen ganzen Kosmos restlos ausgeweidet. Man hat allen Wert, Bedeutung, Bewußtsein, Tiefe und Diskurs aus der Welt verbannt und die verdorrten und blutleeren Überreste auf dem Seziertisch des monologischen Blicks ausgebreitet.
Das Bewußtsein wird so in der Tat zum Gespenst in der Maschine, denn es hat soeben Selbstmord begangen.
Womit wir bei Whiteheads berühmter Beschreibung der modernen naturwissenschaftlichen Weltsicht (des subtilen Reduktionismus) angelangt wären: >Eine fade Sache, ohne Klang, ohne Duft, ohne Farbe, nur noch das endlose, sinnlose Hasten von Material.< Und er fügt hinzu: >Das hat die moderne Philosophie ruiniert.<
Es nützt nichts, daß dieser subtile Reduktionismus oft in holistischem Gewand daherkommt, weil sein Holismus immer nur die Außenseite betrifft: holistische und dynamische miteinander verwobene Es-heiten ! Wenn man ein Buch über holistische Systemtheorie oder das neue holistische wissenschaftliche Paradigma aufschlägt, findet man eine endlose Erörterung der Chaostheorie, kybernetischen Feedback-Mechanismen, dissipativer Strukturen, der Komplexitätstheorie, globaler Netze, von Systeminteraktionen – und all dies in einer Sprache von Es-Prozessen. Man findet nichts Substanzielles über Ästhetik, Dichtkunst, Schönheit, Güte, ethische Dispositionen, intersubjektive Entwicklung, innere Erleuchtung, transzendente Intuition, ethische Antriebe, gegenseitiges Verständnis, Gerechtigkeit oder meditative Phänomenologie – und so etwas nennt sich >Holismus<. Man findet mit anderen Worten, nicht als eine monochrome Welt miteinander verwobener Es-heiten ohne Anerkennung der ebenso wichtigen und ebenso holistischen Bereiche des Ich und Wir, der subjektiven und intersubjektiven Räume, die doch überhaupt erst eine Wahrnehmung objektiver Systeme ermöglichen.
aus: Ken Wilber (1999): Das Wahre, Schöne, Gute. Geist und Kultur im 3. Jahrtausend. Fischer Taschenbuch Verlag. Seiten 36 ff.


Geist / Urknall

„Um das Ganze verstehen zu können, muß man die Teile verstehen. Um die Teile zu verstehen, muß man das Ganze verstehen. Das ist der Zirkel des Verstehens.
Man geht vom Teil zum Ganzen und wieder zurück, und in diesem Tanz des Erkennens, in diesem erstaunlichen Zirkel des Verstehens erwacht man zu Bedeutung, Wert und Vision. Dieser Kreislauf des Verstehens geleitet uns, fügt Stücke zusammen, heilt die Brüche, verbindet die ausgerissenen Teile, macht den Weg vor uns hell in einer außerordentlichen Bewegung vom Teil zum Ganzen und wieder zurück, wobei Heilung bei jedem Schritt geschieht und Gnade der köstliche Lohn ist. …
Der Urknall hat aus allen nachdenklichen Menschen Idealisten gemacht. Zuerst war nichts – und dann platzte in weniger als einer Nanosekunde die materielle Welt ins Dasein. Diese ersten materiellen Prozesse gehorchten anscheinend mathematischen Gesetzen, die irgendwie vor dem Urknall existierten, weil sie offenbar von Anfang an wirksam waren. Es scheint, daß der Urknall, was auch immer er sonst noch bewirkte, von den beiden großen philosophischen Haltungen, die dem denkenden Menschen seit jeher zur Verfügung stehen, nämlich Idealismus und Materialismus, dem letzteren den Todesstoß versetzt hat.
Dieser idealistische Trend in der modernen Physik geht jedoch mindestens schon auf die Doppelrevolution der Relativitäts- und Quantentheorie zurück. Die Mehrzahl des runden Dutzends von Pionieren der modernen Physik wie Albert Einstein, Werner Heisenberg, Erwin Schrödinger, Louis de Broglie, Max Planck, Wolfgang Pauli und Sir Arthur Eddington waren Idealisten oder Transzendentalisten der einen oder anderen Spielart. Und ich meine dies in einem ganz strengen Sinne. Von de Broglies Behauptung, daß die >Mechanik eine Mystik erfordert<, bis zu Einsteins spinozistischem Pantheismus, von Schrödingers vedantischem Idealismus bis zu Heisenbergs platonischen Archetypen: Die Physiker vereinte in ihren bahnbrechenden Anschauungen die Überzeugung, daß die Welt ohne die Hinzunahme des Bewußtseins selbst keinen Sinn hat und nicht befriedigend erklärt werden kann. >Die Welt beginnt immer mehr wie ein großer Gedanke, nicht wie eine große Maschine auszusehen<, faßte Sir James Jeans die vorhandenen Befunde zusammen. Und wenn er sagt, daß sich die Welt wohl kaum anders erklären lasse als durch die Annahme, daß sie >im Geiste irgendeines ewigen Geistes< existiert, dann hätte ihm wohl keiner dieser großen Pioniere widersprochen.
Nun wird aber >geistige Gesundheit< seit jeher so definiert, daß man in einer irgendwie grundlegenden Weise >Kontakt< mit der Wirklichkeit hat. Aber wenn wir gerade bei den >realistischsten< Wissenschaften nachfragen, wie es denn um das Wesen dieser grundlegenden Wirklichkeit bestellt sei, jener Wirklichkeit, mit der wir in >Kontakt< sein sollen, und in der wir ohne Umschweife beschieden werden, dass diese Wirklichkeit in Wirklichkeit >im Geiste eines ewigen Geistes< existiert – was dann? Heißt dann geistige Gesundheit, in direktem Kontakt mit dem Geist irgendeines ewigen Geistes zu sein? Und wenn wir den Physikern bezüglich der Natur dieser höchsten Wirklichkeit keinen Glauben schenken, wem dann? Wenn wir geistig gesund bleiben wollen, mit welcher Wirklichkeit sollen wir dann Kontakt haben?

Das Gespenst in der Maschine
Eines der großen Probleme bei dieser >spirituellen< Argumentation besteht darin, daß die Schlussfolgerungen zu >mager<, zu subjektiv, zu weit hergeholt, ja zu >schauerlich< klingen, sofern man nicht gerade mathematischer Physiker ist, der sich täglich mit diesen Problemen herumschlägt. Ganz zu Schweigen davon, daß nur allzu viele östliche und westliche Theologen die klaffenden Schlupflöcher in der wissenschaftlichen Darstellung der Natur dazu genutzt haben, ihre Gottesversion ins Pampenlicht zu stellen.
Aus diesem Grund gehen heute die meisten praktischen Naturwissenschaftler, Ärzte, Psychologen und Psychiater ruhig ihrer Arbeit nach, ohne sich von diesen ausgefallenen >idealistischen< Spekulationen beunruhigen zu lassen. Vom kognitiven Behaviorismus bis zur künstlichen Intelligenz, vom psychologischen Konnektivismus bis zur biologischen Psychiatrie halten sich die meisten Forscher einfach nach wie vor an eine materialistische Erklärung von Geist, Psyche und Bewußtsein. Man nimmt also als grundlegende Wirklichkeit die materielle, psychische oder sensomotorische Welt an, und der Geist ist dann nichts weiter als die Summe der Repräsentationen oder Abspiegelungen dieser empirischen Welt. Das Gehirn selbst ist angeblich eine biomaterielle Informationsverarbeitungsanlage, die man mit objektiven und wissenschaftlichen Begriffen erklären kann, und die Informationen, die es verarbeitet, bestehen aus nichts weiter als Repräsentationen der empirischen Welt (>keine Berechnung ohne Repräsentation>). Ein materielles und objektives Gehirn verarbeitet eben eine materielle und objektive Welt, und der subjektive Bereich des Bewusstseins ist im besten Falle ein Epiphänomen des Bewußtseins, das im Gefolge eines physiologischen Feuerwerks entsteht. Der Geist spukt einfach als Gespenst in der Maschine, und ob diese Maschine ein Computer, ein biomechanischer Prozessor oder ein Servomechanismus ist, spielt überhaupt keine rolle. Der langgezogene Todesschrei des gespenstischen Geistes hallt durch die endlosen Korridore der heutigen wissenschaftlichen Forschung. …
In allen diesen Ansätzen huschen objektive Repräsentationen durch konnektivistische Netzwerke, und das einzige, worin sich diese Darstellungen unterscheiden, ist die jeweilige Art des objektiven Netzes, durch das Informationsbits ihre Runden drehen, um die Illusion von Bewußtsein zu erzeugen. Alle diese Darstellungen sind, abgesehen von einigen zweifellos wichtigen Beiträgen, letztlich doch Versuche des Bewußtseins, die Existenz von Bewußtsein zu leugnen, womit man doch einen recht erheblichen Aufwand an kausaler Argumentation um etwas treibt, das angeblich nur ein wirkungsloser Dunst, ein gespenstisches Nichts ist.
Man kann es drehen und wenden, wie man will, diese empirischen und objektivistischen Darstellungen (analoge und digitale Datenmengen, die durch Informationsnetze huschen, oder Neurotransmitter, die über dendritische Pfade sausen) geben nicht unsere tatsächliche Erfahrung unseres inneren Bewußtseins wider. Wenn Sie und ich in unsere Inneres schauen, finden wir eine andere Welt vor, keine Welt von Bits und Bytes und imaginären digitalen Einheiten, sondern eine Welt von Bildern und Vorstellungen, von Hunger und Schmerz, von Gedanken und Wahrnehmungen, Wünschen und Begierden, Absichten und Abneigungen, Hoffnungen und Ängsten. Und wir erkennen diese inneren Daten unmittelbar und direkt: Sie sind uns einfach gegeben, sie sind einfach da, sie tauchen einfach auf, und wir gewahren sie in dem Umfang, wie wir sie gewahren möchten. …
Selbst wenn man versuchen wollte, den Kognitivisten, Funktionalisten und Behavioristen recht zu geben, wenn man sich das Bewußtsein als Informationsbits vorzustellen versucht, die durch neuronale Netze hüpfen, dann kann ich diese Vorstellung selbst nur als innere und direkte Wahrnehmung haben. Ich erfahre diese Vorstellung innerlich und unmittelbar; zu keinem Zeitpunkt erfahre ich tatsächlich etwas, das auch nur entfernt wie ein Informationsbit aussieht, welches über einen konnektivistischen Pfad flitzt. Dies ist einfach eine Vorstellung, und ich bekomme diese Vorstellung wie alle Vorstellungen in einem Akt einer inneren und bewußten Wahrnehmung. Mit anderen Worten der objektivistische Ansatz gegenüber Erfahrung und Bewußtsein kann nicht einmal seine eigene Erfahrung und sein eigenes Bewußtsein erklären, kann dien Tatsache nicht erklären, daß digitale Bits nicht als digitale Bits sondern als Hoffnungen und Ängste erfahren werden.

aus: Ken Wilber (1999): „Das Wahre, Schöne, Gute. Geist und Kultur im 3. Jahrtausend. Fischer Taschenbuch Verlag. Seiten 27ff


Über das Dao (1)

„Das tao ist ein sanft leuchtendes Meer reinster Leere, ein perlmutt-schimmernder Nebel, grenzenlos und unbefleckt. Geboren aus diesem Meer umwinden sich spielend zwei Drachen (yang und yin) – der männliche, hell wie die Sonne, mit goldenen, feurigen Schuppen, Meister der Aktivität und der weibliche, strahlend wie der Mond, mit silbern glänzenden Schuppen, Meister der Passivität. Ihr Zusammenwirken bringt die Rhythmen zyklischen Wechsels hervor: die Bewegungen der Planeten, das Fortschreiten der Jahreszeiten, den Wechsel von Tag und Nacht. Aus ihrem Spiel entstehen fünf leuchtende Dämpfe (wu hsing), blau, rot und gelb, weiß und schwarz. Schattenwerfend, wirbelnd, ringend und sich vermischend, geben sie dem Firmament seine Wölbung, der Erde ihre vier Seiten, den zehntausend Dingen ihre vergängliche Gestalt. Wie Regen ergießen sich aus dem Himmel die drei wolkengleichen Essenzen (drei Schätze) des yang, wie Nebel erheben sich von der Erde die drei Essenzen des yin, treffen aufeinander und vermischen sich. So ist es, seit Himmel und Erde bestehen. Dies ist die ursprüngliche Vollkommenheit.
John Blofeld: Der Taoismus oder die Suche nach der Unsterblichkeit (S. 43)